Liebe Familie Schuster, liebe Angehörige, liebe Freunde von Sandra, ich stehe hier auf unsicherem Boden. Was kann, was soll ich Ihnen und Euch heute sagen? Wäre es nicht ehrlicher zu schweigen?

Der Tod von Sandra läßt uns alle zurück - erschrocken und traurig, hilflos und verletzt; er läßt uns zurück mit unendlich vielen Fragen, bitteren Fragen: Warum hat Sandra sterben müssen? Warum gerade sie? Warum jetzt, warum so? Und eine Antwort gibt es nicht.

Ich habe Sandra nicht gekannt. Aber bei unserem Gespräch gestern abend haben Sie, liebe Familie Schuster, mich mitgenommen auf den gemeinsamen Weg mit Sandra.

Sie haben erzählt, von der gemeinsamen Zeit, Ihrem gemeinsamen Leben. Und durch Ihre Worte, aber mehr noch durch die Wärme mit der Sie erzählt haben, habe ich Sandra ein bisschen kennenlernen können.

Ich habe sie kennenlernen können als einen lebenslustigen, einen lebensmutigen Menschen, einen Menschen, der sehr verantwortungsbewusst war und zugleich das Leben geniessen wollte, geniessen konnte in seiner ganzen Fülle.

Sie war ein Energiebündel, ein verrücktes Huhn, aber ein nettes verrücktes Huhn - so haben Sie gesagt. Ich denke, Sandra hatte die Gabe, andere Menschen anzustecken mit ihrer Energie, ihrer Wärme. Die Gabe, andere zu beflügeln und ihnen mit ihrem Lebensmut selber Mut zu machen.

Sie haben erzählt, wie sie immer ein offenes Ohr und ein warmes Herz für andere hatte, wie gut sie mit Kindern umgehen konnte. Ich glaube, Kinder spüren ganz genau, mit wem sie es zu tun haben und ich denke es war Sandras Offenheit, ihre Geradlinigkeit, ihre Herzlichkeit, mit der sie das Herz der Kinder und vieler anderer gewonnen hat.

Spontan und impulsiv war sie und ich kann mit vorstellen, daß es dadurch in der Familie, so unter Geschwistern oder auch unter Euch Freunden immer mal wieder Krach gegeben hat - aber ich schätze, Ihr habt so auch immer gewusst, woran Ihr mit Sandra wart und das Gewitter ist so schnell wieder verraucht wie es gekommen war.

16 Jahre war Sandra alt - am 1. Januar wäre sie 17 geworden. Da war noch soviel, wovon sie geträumt hat, was sie geplant hat. Da gab es soviel, was ihr wichtig war in ihrem Leben.

Da waren Sie, die Familie, die sie einfach das Zuhause für Sandra waren, die Sie Sandra immer wieder spüren haben lassen, wie lieb Sie sie haben, wie kostbar sie für Sie ist.

Da wart Ihr, die Freunde, die Treffen in der Post-Alm - Zeit zu reden, Zeit manchen Frust loszuwerden, Zeit zu feiern, zu lachen, Zeit zu leben.

Und da war die Arbeit, ein Beruf, den sie geliebt hat und vor allem auch Menschen, die Sandra mit Wertschätzung und Herzlichkeit begegnet sind und so auch die Arbeit zu einem zweiten- oder dritten- Zuhause haben werden lassen.

Ja - da war so vieles, so viele Menschen, so viele Beziehungen, so viele Möglichkeiten -Und jetzt ist alles zu Ende.

Keine Chance mehr. Keine Chance mehr zu reden, keine Chance mehr danke zu sagen, keine Chance mehr sich richtig zu verabschieden. Ich glaube, das tut mehr weh als alles andere.

Als ich nach einem Bibelspruch für diesen Gottesdienst gesucht habe, ist mir ein Vers aus dem Johannesevangelium eingefallen: Jesus sagt da zu seinen Freunden:

Ich bin das Licht der Welt. Wer an mich glaubt, wird nicht in der Dunkelheit bleiben, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Ich finde diese Worte schön, weil sie so ehrlich sind. Sie drängen das Dunkel nicht einfach weg. Das Dunkel des Zweifelns, das Dunkel der Verzweiflung, ja auch der Bitterkeit, des Zorns - auch gegen Gott.

Es ist unbegreiflich, warum so etwas geschehen muß. Wie kann ein Gott, den man einen Gott der Liebe nennt, uns so was zumuten? Es ist schwer, solch ein Unglück mit der Liebe Gottes in Verbindung zu bringen. Und ich denke, diese Fragen, diese Bitterkeit einfach wegzureden - das würde billigen Trost bedeuten.

Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt wird nicht in der Dunkelheit bleiben, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Diese Worte nehmen das Dunkel sehr ernst. Momentan ist es schwer, ist es wohl unmöglich Hoffnung zu haben. Hoffnung schöpfen heißt: den Blick nach vorne richten, den Weg weitergehen. Aber es ist schwer, weiterzugehen, wenn der Schmerz und die Traurigkeit uns noch festhalten.

Aber diese Worte sprechen von der Zuversicht, daß diese Dunkelheit nicht das letzte Wort haben wird. Nicht die Dunkelheit dieses Sterbens und nicht das Dunkel Ihrer Traurigkeit.

Irgendwann, nicht heute, nicht morgen aber zu seiner Zeit werden Sie den Weg weitergehen können - den Weg, der Sie aus dem Dunkel der Traurigkeit zum Licht neuen Lebens führt.

Und vielleicht kann dabei auch der Blick zurück, die Erinnerung an all das Schöne, was Sie miteinander erlebt haben, Kraft und Mut schenken für den Blick nach vorn.

"In unseren Herzen wirst du weiterleben" - so haben Sie, so habt Ihr in der Todesanzeige geschrieben. Für mich ist das auch so ein Stück ewiges Leben: In Ihrem Herzen, in Ihren Erinnerungen lebt Sandra weiter- keiner kann sie Ihnen nehmen.

Und wir haben die Hoffnung, daß Sandra jetzt bei Gott gut aufgehoben ist. Für ihn war dieses Leben, so wie es war, unendlich kostbar und er bewahrt dieses Leben über den Tod hinaus. Seine Liebe hat Sandra jetzt ganz umfangen und läßt sie nicht mehr allein.

Sandra ist keine Zeit mehr geschenkt worden auf dieser Welt. Aber Sie, Ihr alle seid hier. Ihr sollt und Ihr dürft leben - das Leben geniessen an Sandras Stelle. Ihr dürft leben für sie und mit ihr, in Erinnerung an diesen Menschen, den Ihr lieb habt.

Und ich wünsche Ihnen, ich wünsche Euch, daß Sie sich heute auf den Weg machen können in Ihr Leben, begleitet von Menschen, die Ihnen Mut machen - Menschen, die für Sie Gottes Liebe spürbar machen, Ihnen zum Licht werden, zum Licht neuen Lebens:

Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis bleiben, sondern das Licht des Lebens haben. Amen.